Hier könnt Ihr jeden Monat ein anderes Märchen lesen
Juni
Das schönste Geschenk
Vor über 2000 Jahren lebte in einem keltischen Dorf ein junger Bauer, der sich unsterblich in das schönste Mädchen im Dorf verliebt hatte. Aber es gab in dem Dorf noch einen anderen jungen Mann, einen Krieger, der sich genauso in das schöne Mädchen verliebt hatte. Die so Umworbene konnte sich aber nicht für einen der beiden entscheiden. Jeder der beiden Männer bemühte sich mit netten Gesten und Geschenken das Mädchen für sich zu gewinnen. Sie überhäuften es geradezu. So ging das einige Monate lang, ich glaube sogar Jahre lang. Dem Mädchen gefiel es irgendwie, so beachtet, verwöhnt und von zwei Männern geliebt zu werden. Die beiden Männer aber verfielen in gegenseitige Verachtung und sogar Hass aufeinander. Das Dorf sah dem Treiben zunächst belustigt, schließlich aber mehr und mehr verärgert zu. Der Dorfälteste drängte das Mädchen sich endlich für einen der Männer zu entscheiden. Das Mädchen mochte eigentlich beide und wusste nicht, wessen Frau sie werden sollte. Um die Liebe der beiden zu testen, sagte sie zu ihnen: „Ich werde die Frau desjenigen werden, der mir morgen früh das schönste Geschenk bringen wird.“ Der Krieger sah sich bereits als Sieger, denn auf den Feldzügen hatte er ein paar sehr schöne Schmuckstücke erobert, die dem Mädchen gewiss sehr gefallen würden. Der Bauer dagegen besaß weder Schmuck noch Geld. Traurig setzte er sich im Hof unter die alte Linde, die in der Nähe seines Hauses stand und weinte bittere Tränen. Damit ihn niemand aus dem Dorf weinen sehen sollte, kletterte er auf den dicht belaubten Baum. Er nahm seine Schere und schnitt, an seine Geliebte denkend, jedes Lindenblatt zu einem Herzen aus. Die ganze Nacht verbrachte er auf dem Baum, schnitt Blatt für Blatt und dann sogar auch noch die ganze Baumkrone in Herzform. Völlig übermüdet schlief erschließlich auf dem Baum ein. Das junge schöne Mädchen erwartete am nächsten Morgen die beiden Freier. Doch es erschien nur der junge Krieger. Er brachte ihm seinen schönsten und kostbarsten Beuteschmuck. Aber das Mädchen wollte auch gern sehen, was wohl der Bauer für sie hatte, und da er nicht kam, ging sie zu seinem Haus. Als sie die Linde sah, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihr Herz pochte laut und ihre Augen füllten sich mit heißen Tränen. In diesem Moment kletterte der junge Bauer gerade von der Linde herab, enttäuscht, seiner Geliebten kein kostbares Geschenk machen zu können. Doch das junge Mädchen lief auf ihn zu, fiel ihm und den Hals und küsste ihn unter Tränen der Rührung. Sie hatte erkannt, welch großes Herz der Bauer hatte, so groß wie die alte Linde. Unter der Linde versprachen sich der junge Bauer und das schöne junge Mädchen ewige Liebe und Treue. Seitdem ist die Linde der Baum der Liebe – und die Herzen trägt sie noch heute: in der Form der Blätter und ihrer Krone.
Quelle: nach einem überlieferten irischen Märchen, gehört von einem „Druiden“ auf einem Mittelaltermarkt