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Juli

    

Das Zwergenloch im Burgholzer Wald

Vor unvorstellbar langen Zeiten, als das Tal der Wupper noch kaum besiedelt war und wilde Tiere in den Wäldern rechts und links des Ufers wohnten, waren die wenigen Menschen, die zwischen Sonnborn, Küllenhahn und Cronenberg lebten, gut Freund mit den Zwergen, die alltäglich von morgens bis spät in den Abend hinein mit ihren kleinen Spitzhacken und Spaten im Burgholzer Wald nach Erzen sowie Edelsteinen gruben. Da war es ihnen stets eine willkommene Abwechslung, wenn sich ein Wanderer sehen ließ und mit ihnen plauderte. Allerdings zeigten sich die kleinen Wesen nur jenen Frauen, Männern und Kindern, die ein gottgefälliges Leben führten. Spitzbuben und Galgenvögeln blieben sie verborgen.
Als der Wald mehr und mehr gerodet wurde und dort, wo einst Fuchs und Hase sich einander eine gute Nacht wünschten, Hütten entstanden, war es mit dem ruhigen Leben der Zwerge vorbei. „Was sollen wir nur tun? Statt des Singens der Amseln und Meisen hören wir nun das Schlagen der Beile, das Krachen umstürzender Bäume!“, klagte einer der Wichte, die sich auf einer Weide am Rande des Waldes versammelt hatten, um zu beratschlagen. „Das Singen der Kinder will mir ja gefallen wie das der Vögel“, meinte ein anderer. „Aber neulich habe ich ein Weib keifen gehört, dass mir Angst und Bange wurde!“
Noch ließen sich die Zwerge aus ihrer angestammten Heimat nicht vertreiben, aber die Zahl der Menschen, die ihnen nicht wohlgesonnen war, nahm von Jahr zu Jahr zu. Wenn Wanderer im Walde Rast machten und sich mit Speis und Trank stärkten, dann blieben abgeknabberte Knochen, Brotkrümel und Obstreste auf dem Moose liegen und immer mehr Ratten bevölkerten die Gegend und suchten Unterschlupf in jener Höhle, die den Zwergen seit Generationen als Herberge diente.
Die Zeit verging und dort, wo einst hölzerne Hütten standen, wurden Häuser aus Stein erbaut. Wieder kamen die kleinen Wichte am Rande des Waldes zusammen und berieten, was zu tun war. Da sie ihre Heimat liebten, beschlossen sie, den Burgholzer Wald, in dem schon ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern ihr Leben fristeten, nicht zu verlassen.
Abermals vergingen Jahr und Tag. Dort, wo die Menschen ihre steinernen Häuser gebaut hatten, um darin zu wohnen, entstanden noch weitaus größere, in denen Tücher, Trikotagen und mancherlei andere Textilwaren gewoben und gewirkt und am Ufer der Wupper gefärbt wurden. Erneut hielten die Zwerge eine Versammlung ab und erörterten, wie mit der neuen Lage umzugehen sei. „Wie habe ich den Duft des Waldes geliebt. Aber welcher Geruch steigt uns heute in die Nasen!“, klagte einer der Wichte. Aber die Zwerge mochten sich nicht von ihrer Höhle trennen und entschieden, im Burgholzer Wald zu bleiben.
Und wieder flossen die Jahre dahin und nichts blieb, wie es war. Aus den Manufakturen, in denen die Menschen webten und wirkten, wurden Fabriken, in denen von Riemen angetriebene Maschinen deren Arbeit übernahmen. Nun fassten die kleinen Wesen den schweren Entschluss, ihre Heimat zu verlassen. An einem Sonntagmorgen zogen sie von dannen und wurden im Tal der Wupper nie wieder gesehen.
Quelle: „Sagenhaftes Bergisches Land“ Olaf Link, SUTTON