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März
Der Drachenzar
Keiner weiß genau, wo, keiner weiß genau, wann es geschah. Es ist vielleicht tausend
Jahre her. Damals gab es im tiefsten dichtesten Wald ein Zarenreich, das Reich der
Drachen und Schlangen. Dort herrschte der Drachenzar. Der hatte den Leib einer
Schlange und den riesigen Schlund eines Drachen. Er war wohl hundert Ellen lang. Die
Sonne, der Mond und die Sterne waren seine Feinde. Auch die Erde hasste er. In
Erdlöchern und finsteren Grotten, die das Wasser der Flüsse und Seen ausgespült hatte,
hielt er sich verborgen. Immer, wenn er an die Oberfläche der Erde kroch, wurden seine
Augen vom Licht der Sonne, des Mondes und der Sterne geblendet, denn sie kannten nur
die Finsternis und waren an Helligkeit nicht gewöhnt. Endlich beschloss der Drachenzar,
jenen feindlichen Lichtern aufzulauern, sie herabzureißen und sie in seinen
unterirdischen Behausungen aufzuhängen. Als die Sonne nun einmal ganz tief im
Westen stand und fast den Erdboden zu berühren schien, schnellte der Drachenzar
empor, richtete sich in seiner ganzen furchtbaren Länge auf, riss die Sonne mit seinen
scharfen Zähnen herab und brachte sie in sein Reich tief unter der Erde. In gleicher Weise
lauerte er dem Mond auf, riss ihn vom Himmel und brachte ihn in sein unterirdisches
Zarenreich. Schließlich riss er jede Nacht ein paar Sterne vom Firmament, so dass zuletzt
der Himmel finster und leer war wie ein Abgrund.
Da kam großes Leid über die Menschen. Anstelle des hellen Sonnenscheins am Tage, des
Funkelns der Sterne und des silbernen Glanzes des Mondes bei Nacht hing nun immerzu
schwarze Nacht über der Erde. Am Rande des wilden Waldes lebte Kostryn, der Hirte,
mit seinen drei Söhnen. Von denen war der erste ein Wagner, der zweite ein Holzfäller
und der dritte ein Imker. »Meine lieben Söhne«, sprach der Vater, »ihr seid die Stärksten,
Klügsten und Geschicktesten, die es auf der ganzen Welt gibt. Wenn ihr nicht in der Lage
seid, den Drachenzaren zu bezwingen und zu töten, so wird es niemandem auf Erden
gelingen. Auf euch setzte ich meine ganze Hoffnung, dass ich die helle Sonne, die
funkelnden Sterne und den silbernen Mond noch einmal zu sehen bekomme, bevor ich
meine Augen für immer schließe.« Da verneigten sich die Söhne vor ihrem Vater und
sprachen: »Wenn es dein Wille ist, lieber Vater, so werden wir es versuchen.« Sie gingen
auf die Pferdeweide. Dort wählte sich der älteste Sohn einen Rappen, der zweite einen
Fuchs und der dritte einen Schimmel. Sie schwangen sich auf ihre Pferde, spannten ihre
Bögen, zielten lange und schossen drei Pfeile ab. Der Pfeil des Wagners blieb im Stamm
einer Kiefer stecken, der des Holzfällers im Stamm einer weißen Birke und der des Imkers
im Stamm einer Eiche.
Da ritt der älteste Bruder, der Wagner zum Kiefernwald. Der zweite Bruder, der
Holzfäller, nahm den Weg zum Birkenwald. Der jüngste Bruder, der Imker, sprengte auf
seinem Schimmel in Richtung des Eichenhains. Im Kiefernwald rauschten die Bäume. Sie
rauschten und schüttelten die Kronen hin und her. Sie hatten Kostryns ältesten Sohn
erblickt. »Oh, seht nur, seht den Wagner! Er reitet den Rappen, trägt den Bogen über der
Schulter und die Keule in der Faust. Gewiss will er gegen den Drachenzaren kämpfen. Wir
müssen ihn warnen, warnen vor unbedachtem Tun. Ein guter Freund ist er uns Bäumen.
Schöne Räder baut er für die Menschen. Mit seiner Hilfe haben so manche unserer
Schwestern die weite Welt gesehen und viele Wunder geschaut. Nein, er soll nicht
weiterreiten, denn er wird sonst sein Leben verlieren. Nicht er wird es sein, der den
Drachenzar besiegt.« Am Wegesrand wuchs eine junge Kiefer. Diese schwankte so heftig,
dass der Rappe augenblicklich wie festgewachsen stehenblieb. »Wo jagst du hin? Rasch
kehre um, wenn du nicht ins Verderben stürzen willst!« rief die Kiefer. Die Warnung
hörte der Rappe wohl, denn er verstand wie alle Tiere die Sprache der Bäume und
Pflanzen. Da halfen weder Drohungen noch Bitten, Das Pferd rührte sich nicht vom
Fleck. Es stand da, als wäre es auf dem Wege festgeschmiedet. Da blieb Kostryns
ältestem Sohn nichts anderes übrig, als nach Hause zurückzukehren. Dort erzählte er
seinem Vater alles, was ihm widerfahren war. Er war tief betrübt und sprach: »Es ist mir
wohl nicht vergönnt, den Drachenzaren zu töten.« »Es scheint dir wohl versagt zu sein,
mein lieber Sohn«, antwortete Kostryn und strich sich nachdenklich über den grauen
Bart.
Im weißen Birkenwald brachte der mittlere Bruder, der Holzfäller, sein Pferd zum Stehen.
Er nahm dem Fuchs das Zaumzeug ab und ließ ihn weiden, damit er sich ausruhen und
Kräfte sammeln sollte. Der Fuchs rupfte Gräser und spitzte die Ohren, denn die Birken
sprachen miteinander. »Oh, seht nur, seht, wenn es auch finster ist, so erkennen wir
doch Kostryns zweiten Sohn. Wenn auch der Drachenzar die Sonne stahl, so merken wir
doch, dass er es ist, der Holzfäller. Alte Bäume rodet er. Das Holz behaut er mit seiner
Axt. Wir alle hier im Birkenwald fürchten uns vor ihm. Unserer Blätter zittern in
Todesangst. Aber heute reitet er den Fuchs, trägt den Bogen über die Schulter und die
Keule in der Faust. Gewiss will er gegen den Drachenzaren kämpfen. Er ahnt nicht, dass
er in sein Verderben zieht. Schade ist es nicht um ihn, aber das arme Pferd dauert uns.
Wir müssen es warnen.« Das Pferd, das alle ihre Worte verstanden hatte, lief zu seinem
Herrn und fuhr ihm mit den Nüstern über die Stirn, als bäte es ihn um etwas. Der
Holzfäller lachte und rief: »Mein Pferdchen, du bist wohl satt und hat genug geweidet.
Wohlan denn, dann sitz ich auch, und im Galopp geht's zum Reich der Schlangen und
Drachen. Lass uns zu den finstern Höhlen reiten!« Aber was war geschehen? Das Pferd
rührte sich nicht von der Stelle. Es blieb stehen, als wäre es auf dem Boden
festgewachsen. Es halfen weder Drohungen noch Bitten. Auch als sein Herr zur Peitsche
griff, blieb der Fuchs stehen wie festgeschmiedet. Endlich wandte der Holzfäller sich um
und ritt im Galopp nach Hause zurück. Staub wirbelte unter den Hufen. Der mittlere
Bruder trat voller Kummer und Scham vor seinen Vater und erzählt ihm alles, was sich
zugetragen hatte. »Es ist mir wohl nicht bestimmt, den Drachenzaren zu töten«, sagte
er traurig. »So ist es, mein lieber Sohn, es ist wohl nicht deine Bestimmung«, antwortete
der alte Kostryn und strich sich nachdenklich über den grauen Bart.
Kostryns jüngster Sohn, der Imker, war inzwischen beim Eichenhain angelangt. Eichen so
hoch wie Häuser standen da in der Finsternis. Der Schimmel spitzte die Ohren und
lauschte auf ihre Worte. »Wer reitet da unten den Schimmel?« fragte eine Eiche die
andere, »ist es nicht Kostryns jüngster Sohn?« »Ja, er ist es«, antwortete die andere und
schüttelte ihre mächtigen Äste. »Es ist der Imker. Er ist uns allen wohlbekannt, denn oft
sammelte er hier den Honig der wilden Bienen. Im Walde baute er ihnen Stöcke. Neuen
Schwärmen gab er eine Wohnstatt. Das alles tat er, als die Sonne noch schien und nachts
Mond und Sterne am Himmel leuchteten. Jetzt reitet er den Schimmel, trägt den Bogen
über der Schulter und die Keule in der Faust. Will er denn gegen den Drachenzaren
kämpfen? Ach, er weiß nicht, dass weder Pfeil noch Keule den Zaren des Schlangen- und
Drachenreiches töten. Er muss sich den Beistand eines Bienenschwarms erbitten. Allein
Bienen sind imstande, den Schlangenzaren zu überwinden.« »Halt, Schimmelchen, bleib
stehen«, knarrte eine alte Eiche und berührte das Pferd mit einem ihrer knorrigen Äste.
»Wende dich nach links zum See hin. Am Ufer findest du einen verrotteten Baumstumpf,
in dem ein Wildbienenschwarm lebt. Sage den Bienen, sie sollen deinem Herrn zu Hilfe
kommen. Auch sie hassen den Drachenzaren, denn er ist schuld daran, dass sie keinen
Blütenstaub mehr finden und keinen Nektar mehr sammeln können. Sie sind vom
Hungertod bedroht.« Der Schimmel galoppierte zum Seeufer. Wie sehr er sich auch
mühte, sein Reiter konnte ihn nicht au"alten. Wie von Sinnen jagte das Pferd den Pfad
entlang. Erst am See wurde sein Lauf langsamer, und es beschnupperte die
Baumstümpfe, die da am Ufer standen. Endlich blieb der Schimmel stehen und wieherte
dreimal. Der Imker zog die Zügel fest und wollte das Pferd gewaltsam zum Umkehren
bewegen. Dieses aber wieherte wiederum dreimal, als hätte es seines Herrn Willen nicht
verstanden. Das Echo schallte durch den Wald. Wie es schien, hatten die Bienen des
Pferdes Sprache verstanden denn auf einmal fing es ringsum zu summen und zu
brummen an. Tausend und abertausend Bienen umschwirrten Pferd und Reiter. Dann
entflogen sie geradewegs in die Höhle des Drachen- und Schlangenzaren. Der Schimmel
jagte ihnen im Galopp hinterher. Der Reiter hatte keine Mühe mehr, ihn anzutreiben. Es
war, als wären dem Tier Flügel gewachsen. Ritten sie kurze oder lange Zeit? Sie ritten
genauso lange, wie nötig war. Dann standen sie vor dem Palaste des Drachenzaren im
unterirdischen Reich der Drachen und Schlagen. Die Bienen bildeten eine dichte Wolke
vor dem Eingangstor, und sie schärften die Stacheln für den Angriff auf den mächtigen
Feind. Neunmal wieherte der Schimmel. Nach dem neunten Mal erschien der
schreckliche Kopf des Drachenzaren vor dem Tor. Auf diesem gleißte in der Finsternis das
Diadem, das Zeichen seines üblen Regiments. »Wer wagt es, in meinem eigenen Haus, in
meinem eigenen Reiche meine Ruhe zu stören«, zischte das Untier nach Schlangenart,
und es glitt auf seinem langen Leibe langsam und unheilvoll heran.
Kostryns jüngster Sohn riss den Bogen von der Schulter. Einen Pfeil nach dem anderen
schoss er ab, bis er keinen mehr im Köcher hatte. Doch kein einziger traf das Ungeheuer.
In der Dunkelheit war es dem Imker nicht möglich, richtig zu zielen. Der Schimmel
zitterte vor Angst. Sein Rücken war bedeckt von Schweiß. Immer schneller glitt der
Drachenzar voran. Immer näher kam er dem Reiter und seinem Pferd. Bald, es würde nur
noch eine kleine Weile dauern, und er hätte beide verschlungen mit Haut und Haar.
Schön öffnete der Drachenzar seinen gewaltigen Schlund. Kostryns jüngster Sohn
schwang seine Keule und ließ sie genau auf dem Schädel des Drachenzaren
niedersausen. Aber die Keule sprang daran ab, als ob sie gegen Eisen gestoßen wäre. Und
ach, sie zerbrach in zwei Teile! »Nun ist mein Ende gekommen«, dachte der Imker,
»vielleicht kann wenigstens mein Pferd dem Tod entrinnen. Es darf nur nicht in des
Drachenzaren Augen schauen. Kein Pferd, kein Vogel, kein Mensch oder sonst ein
lebendiges Wesen bliebe da noch am Leben. Unfähig sich zu bewegen stünde es da,
halbtot vor Grauen. Ach, so furchtbar ist die Gewalt der Schlangenaugen!« Kostryns
jüngster Sohn spürte, dass ein Schimmel sich nicht mehr bewegte. Er zitterte am ganzen
Leibe. Schon begann des Schlangenzaren Bann zu wirken. Da fing es auf einmal zu
brummen und zu summen an. Wie eine dunkle Wolke fiel der Bienenschwarm über den
Drachenzaren her. Da erlosch das Licht seines Diadems. Sein riesiger, langer
Schlangenleib warf sich in hilfloser Wut hin und her, denn der Drachenzar konnte den
Feind nicht sehen, der ihm so schmerzhafte Wunden zufügte. Lange, lange noch schlug
das Untier mit seinem Schwanzende um sich. Er donnerte gegen den Erdboden, dass der
ganze Wald erbebte. Endlich sank er leblos unter einem Baum nieder. Da fingen die
Bienen vor Freude an zu tanzen. Die Vögel, denen in der Finsternis das Singen vergangen
war, stimmten ein Hochzeitslied an. Der ganze Wald wurde wieder lebendig. Die
Baumkronen rauschten von einem Ende des wilden Waldes zum anderen. Sie
verbreiteten die Nachricht vom Tode des schrecklichen Drachenzaren. Kostryns jüngster
Sohn betrat das unterirdische Schlangenreich. Er fand die Höhlen, in denen Sonne, Mond
und Sterne gefangen hingen. Rasch befreite er sie aus ihren Schlingen und trug sie hinaus
in die Freiheit. Im selben Augenblick stieg die Sonne eilends in die Lüfte, höher und
höher. Sie hängte sich wieder am Himmel ein und erleuchtete mit ihren Strahlen die
ganze Erde. Der Mond und die Sterne folgten ihr behände, damit die Erde auch des
Nachts ihren Lichtschein erhielt. Da war Jubel und große Freude auf der Welt und unter
den Menschen. Kostryns jüngster Sohn kehrte zu seinem Vater zurück. Er verneigte sich
tief vor ihm: »Sei gegrüßt, mein lieber Sohn«, sprach der Alte, »ich wusste, dass einer
von euch den Drachenzaren bezwingen würde. Nun warst du es, der ihn besiegt hat.«
»Lieber Vater«, antwortete der Imker, »nicht ich war es, der ihn besiegen konnte. Es
waren die kleinen Bienen. Mein lieber Schimmel trug auch seinen Teil dazu bei. Hätte ich
das Pferd und die Hilfe der Bienen nicht gehabt, so hätte mich der schreckliche
Drachenzar mit Haut und Haaren verschlungen. Leid und Finsternis aber hätten die Erde
auf immer regiert.«
Jahre her. Damals gab es im tiefsten dichtesten Wald ein Zarenreich, das Reich der
Drachen und Schlangen. Dort herrschte der Drachenzar. Der hatte den Leib einer
Schlange und den riesigen Schlund eines Drachen. Er war wohl hundert Ellen lang. Die
Sonne, der Mond und die Sterne waren seine Feinde. Auch die Erde hasste er. In
Erdlöchern und finsteren Grotten, die das Wasser der Flüsse und Seen ausgespült hatte,
hielt er sich verborgen. Immer, wenn er an die Oberfläche der Erde kroch, wurden seine
Augen vom Licht der Sonne, des Mondes und der Sterne geblendet, denn sie kannten nur
die Finsternis und waren an Helligkeit nicht gewöhnt. Endlich beschloss der Drachenzar,
jenen feindlichen Lichtern aufzulauern, sie herabzureißen und sie in seinen
unterirdischen Behausungen aufzuhängen. Als die Sonne nun einmal ganz tief im
Westen stand und fast den Erdboden zu berühren schien, schnellte der Drachenzar
empor, richtete sich in seiner ganzen furchtbaren Länge auf, riss die Sonne mit seinen
scharfen Zähnen herab und brachte sie in sein Reich tief unter der Erde. In gleicher Weise
lauerte er dem Mond auf, riss ihn vom Himmel und brachte ihn in sein unterirdisches
Zarenreich. Schließlich riss er jede Nacht ein paar Sterne vom Firmament, so dass zuletzt
der Himmel finster und leer war wie ein Abgrund.
Da kam großes Leid über die Menschen. Anstelle des hellen Sonnenscheins am Tage, des
Funkelns der Sterne und des silbernen Glanzes des Mondes bei Nacht hing nun immerzu
schwarze Nacht über der Erde. Am Rande des wilden Waldes lebte Kostryn, der Hirte,
mit seinen drei Söhnen. Von denen war der erste ein Wagner, der zweite ein Holzfäller
und der dritte ein Imker. »Meine lieben Söhne«, sprach der Vater, »ihr seid die Stärksten,
Klügsten und Geschicktesten, die es auf der ganzen Welt gibt. Wenn ihr nicht in der Lage
seid, den Drachenzaren zu bezwingen und zu töten, so wird es niemandem auf Erden
gelingen. Auf euch setzte ich meine ganze Hoffnung, dass ich die helle Sonne, die
funkelnden Sterne und den silbernen Mond noch einmal zu sehen bekomme, bevor ich
meine Augen für immer schließe.« Da verneigten sich die Söhne vor ihrem Vater und
sprachen: »Wenn es dein Wille ist, lieber Vater, so werden wir es versuchen.« Sie gingen
auf die Pferdeweide. Dort wählte sich der älteste Sohn einen Rappen, der zweite einen
Fuchs und der dritte einen Schimmel. Sie schwangen sich auf ihre Pferde, spannten ihre
Bögen, zielten lange und schossen drei Pfeile ab. Der Pfeil des Wagners blieb im Stamm
einer Kiefer stecken, der des Holzfällers im Stamm einer weißen Birke und der des Imkers
im Stamm einer Eiche.
Da ritt der älteste Bruder, der Wagner zum Kiefernwald. Der zweite Bruder, der
Holzfäller, nahm den Weg zum Birkenwald. Der jüngste Bruder, der Imker, sprengte auf
seinem Schimmel in Richtung des Eichenhains. Im Kiefernwald rauschten die Bäume. Sie
rauschten und schüttelten die Kronen hin und her. Sie hatten Kostryns ältesten Sohn
erblickt. »Oh, seht nur, seht den Wagner! Er reitet den Rappen, trägt den Bogen über der
Schulter und die Keule in der Faust. Gewiss will er gegen den Drachenzaren kämpfen. Wir
müssen ihn warnen, warnen vor unbedachtem Tun. Ein guter Freund ist er uns Bäumen.
Schöne Räder baut er für die Menschen. Mit seiner Hilfe haben so manche unserer
Schwestern die weite Welt gesehen und viele Wunder geschaut. Nein, er soll nicht
weiterreiten, denn er wird sonst sein Leben verlieren. Nicht er wird es sein, der den
Drachenzar besiegt.« Am Wegesrand wuchs eine junge Kiefer. Diese schwankte so heftig,
dass der Rappe augenblicklich wie festgewachsen stehenblieb. »Wo jagst du hin? Rasch
kehre um, wenn du nicht ins Verderben stürzen willst!« rief die Kiefer. Die Warnung
hörte der Rappe wohl, denn er verstand wie alle Tiere die Sprache der Bäume und
Pflanzen. Da halfen weder Drohungen noch Bitten, Das Pferd rührte sich nicht vom
Fleck. Es stand da, als wäre es auf dem Wege festgeschmiedet. Da blieb Kostryns
ältestem Sohn nichts anderes übrig, als nach Hause zurückzukehren. Dort erzählte er
seinem Vater alles, was ihm widerfahren war. Er war tief betrübt und sprach: »Es ist mir
wohl nicht vergönnt, den Drachenzaren zu töten.« »Es scheint dir wohl versagt zu sein,
mein lieber Sohn«, antwortete Kostryn und strich sich nachdenklich über den grauen
Bart.
Im weißen Birkenwald brachte der mittlere Bruder, der Holzfäller, sein Pferd zum Stehen.
Er nahm dem Fuchs das Zaumzeug ab und ließ ihn weiden, damit er sich ausruhen und
Kräfte sammeln sollte. Der Fuchs rupfte Gräser und spitzte die Ohren, denn die Birken
sprachen miteinander. »Oh, seht nur, seht, wenn es auch finster ist, so erkennen wir
doch Kostryns zweiten Sohn. Wenn auch der Drachenzar die Sonne stahl, so merken wir
doch, dass er es ist, der Holzfäller. Alte Bäume rodet er. Das Holz behaut er mit seiner
Axt. Wir alle hier im Birkenwald fürchten uns vor ihm. Unserer Blätter zittern in
Todesangst. Aber heute reitet er den Fuchs, trägt den Bogen über die Schulter und die
Keule in der Faust. Gewiss will er gegen den Drachenzaren kämpfen. Er ahnt nicht, dass
er in sein Verderben zieht. Schade ist es nicht um ihn, aber das arme Pferd dauert uns.
Wir müssen es warnen.« Das Pferd, das alle ihre Worte verstanden hatte, lief zu seinem
Herrn und fuhr ihm mit den Nüstern über die Stirn, als bäte es ihn um etwas. Der
Holzfäller lachte und rief: »Mein Pferdchen, du bist wohl satt und hat genug geweidet.
Wohlan denn, dann sitz ich auch, und im Galopp geht's zum Reich der Schlangen und
Drachen. Lass uns zu den finstern Höhlen reiten!« Aber was war geschehen? Das Pferd
rührte sich nicht von der Stelle. Es blieb stehen, als wäre es auf dem Boden
festgewachsen. Es halfen weder Drohungen noch Bitten. Auch als sein Herr zur Peitsche
griff, blieb der Fuchs stehen wie festgeschmiedet. Endlich wandte der Holzfäller sich um
und ritt im Galopp nach Hause zurück. Staub wirbelte unter den Hufen. Der mittlere
Bruder trat voller Kummer und Scham vor seinen Vater und erzählt ihm alles, was sich
zugetragen hatte. »Es ist mir wohl nicht bestimmt, den Drachenzaren zu töten«, sagte
er traurig. »So ist es, mein lieber Sohn, es ist wohl nicht deine Bestimmung«, antwortete
der alte Kostryn und strich sich nachdenklich über den grauen Bart.
Kostryns jüngster Sohn, der Imker, war inzwischen beim Eichenhain angelangt. Eichen so
hoch wie Häuser standen da in der Finsternis. Der Schimmel spitzte die Ohren und
lauschte auf ihre Worte. »Wer reitet da unten den Schimmel?« fragte eine Eiche die
andere, »ist es nicht Kostryns jüngster Sohn?« »Ja, er ist es«, antwortete die andere und
schüttelte ihre mächtigen Äste. »Es ist der Imker. Er ist uns allen wohlbekannt, denn oft
sammelte er hier den Honig der wilden Bienen. Im Walde baute er ihnen Stöcke. Neuen
Schwärmen gab er eine Wohnstatt. Das alles tat er, als die Sonne noch schien und nachts
Mond und Sterne am Himmel leuchteten. Jetzt reitet er den Schimmel, trägt den Bogen
über der Schulter und die Keule in der Faust. Will er denn gegen den Drachenzaren
kämpfen? Ach, er weiß nicht, dass weder Pfeil noch Keule den Zaren des Schlangen- und
Drachenreiches töten. Er muss sich den Beistand eines Bienenschwarms erbitten. Allein
Bienen sind imstande, den Schlangenzaren zu überwinden.« »Halt, Schimmelchen, bleib
stehen«, knarrte eine alte Eiche und berührte das Pferd mit einem ihrer knorrigen Äste.
»Wende dich nach links zum See hin. Am Ufer findest du einen verrotteten Baumstumpf,
in dem ein Wildbienenschwarm lebt. Sage den Bienen, sie sollen deinem Herrn zu Hilfe
kommen. Auch sie hassen den Drachenzaren, denn er ist schuld daran, dass sie keinen
Blütenstaub mehr finden und keinen Nektar mehr sammeln können. Sie sind vom
Hungertod bedroht.« Der Schimmel galoppierte zum Seeufer. Wie sehr er sich auch
mühte, sein Reiter konnte ihn nicht au"alten. Wie von Sinnen jagte das Pferd den Pfad
entlang. Erst am See wurde sein Lauf langsamer, und es beschnupperte die
Baumstümpfe, die da am Ufer standen. Endlich blieb der Schimmel stehen und wieherte
dreimal. Der Imker zog die Zügel fest und wollte das Pferd gewaltsam zum Umkehren
bewegen. Dieses aber wieherte wiederum dreimal, als hätte es seines Herrn Willen nicht
verstanden. Das Echo schallte durch den Wald. Wie es schien, hatten die Bienen des
Pferdes Sprache verstanden denn auf einmal fing es ringsum zu summen und zu
brummen an. Tausend und abertausend Bienen umschwirrten Pferd und Reiter. Dann
entflogen sie geradewegs in die Höhle des Drachen- und Schlangenzaren. Der Schimmel
jagte ihnen im Galopp hinterher. Der Reiter hatte keine Mühe mehr, ihn anzutreiben. Es
war, als wären dem Tier Flügel gewachsen. Ritten sie kurze oder lange Zeit? Sie ritten
genauso lange, wie nötig war. Dann standen sie vor dem Palaste des Drachenzaren im
unterirdischen Reich der Drachen und Schlagen. Die Bienen bildeten eine dichte Wolke
vor dem Eingangstor, und sie schärften die Stacheln für den Angriff auf den mächtigen
Feind. Neunmal wieherte der Schimmel. Nach dem neunten Mal erschien der
schreckliche Kopf des Drachenzaren vor dem Tor. Auf diesem gleißte in der Finsternis das
Diadem, das Zeichen seines üblen Regiments. »Wer wagt es, in meinem eigenen Haus, in
meinem eigenen Reiche meine Ruhe zu stören«, zischte das Untier nach Schlangenart,
und es glitt auf seinem langen Leibe langsam und unheilvoll heran.
Kostryns jüngster Sohn riss den Bogen von der Schulter. Einen Pfeil nach dem anderen
schoss er ab, bis er keinen mehr im Köcher hatte. Doch kein einziger traf das Ungeheuer.
In der Dunkelheit war es dem Imker nicht möglich, richtig zu zielen. Der Schimmel
zitterte vor Angst. Sein Rücken war bedeckt von Schweiß. Immer schneller glitt der
Drachenzar voran. Immer näher kam er dem Reiter und seinem Pferd. Bald, es würde nur
noch eine kleine Weile dauern, und er hätte beide verschlungen mit Haut und Haar.
Schön öffnete der Drachenzar seinen gewaltigen Schlund. Kostryns jüngster Sohn
schwang seine Keule und ließ sie genau auf dem Schädel des Drachenzaren
niedersausen. Aber die Keule sprang daran ab, als ob sie gegen Eisen gestoßen wäre. Und
ach, sie zerbrach in zwei Teile! »Nun ist mein Ende gekommen«, dachte der Imker,
»vielleicht kann wenigstens mein Pferd dem Tod entrinnen. Es darf nur nicht in des
Drachenzaren Augen schauen. Kein Pferd, kein Vogel, kein Mensch oder sonst ein
lebendiges Wesen bliebe da noch am Leben. Unfähig sich zu bewegen stünde es da,
halbtot vor Grauen. Ach, so furchtbar ist die Gewalt der Schlangenaugen!« Kostryns
jüngster Sohn spürte, dass ein Schimmel sich nicht mehr bewegte. Er zitterte am ganzen
Leibe. Schon begann des Schlangenzaren Bann zu wirken. Da fing es auf einmal zu
brummen und zu summen an. Wie eine dunkle Wolke fiel der Bienenschwarm über den
Drachenzaren her. Da erlosch das Licht seines Diadems. Sein riesiger, langer
Schlangenleib warf sich in hilfloser Wut hin und her, denn der Drachenzar konnte den
Feind nicht sehen, der ihm so schmerzhafte Wunden zufügte. Lange, lange noch schlug
das Untier mit seinem Schwanzende um sich. Er donnerte gegen den Erdboden, dass der
ganze Wald erbebte. Endlich sank er leblos unter einem Baum nieder. Da fingen die
Bienen vor Freude an zu tanzen. Die Vögel, denen in der Finsternis das Singen vergangen
war, stimmten ein Hochzeitslied an. Der ganze Wald wurde wieder lebendig. Die
Baumkronen rauschten von einem Ende des wilden Waldes zum anderen. Sie
verbreiteten die Nachricht vom Tode des schrecklichen Drachenzaren. Kostryns jüngster
Sohn betrat das unterirdische Schlangenreich. Er fand die Höhlen, in denen Sonne, Mond
und Sterne gefangen hingen. Rasch befreite er sie aus ihren Schlingen und trug sie hinaus
in die Freiheit. Im selben Augenblick stieg die Sonne eilends in die Lüfte, höher und
höher. Sie hängte sich wieder am Himmel ein und erleuchtete mit ihren Strahlen die
ganze Erde. Der Mond und die Sterne folgten ihr behände, damit die Erde auch des
Nachts ihren Lichtschein erhielt. Da war Jubel und große Freude auf der Welt und unter
den Menschen. Kostryns jüngster Sohn kehrte zu seinem Vater zurück. Er verneigte sich
tief vor ihm: »Sei gegrüßt, mein lieber Sohn«, sprach der Alte, »ich wusste, dass einer
von euch den Drachenzaren bezwingen würde. Nun warst du es, der ihn besiegt hat.«
»Lieber Vater«, antwortete der Imker, »nicht ich war es, der ihn besiegen konnte. Es
waren die kleinen Bienen. Mein lieber Schimmel trug auch seinen Teil dazu bei. Hätte ich
das Pferd und die Hilfe der Bienen nicht gehabt, so hätte mich der schreckliche
Drachenzar mit Haut und Haaren verschlungen. Leid und Finsternis aber hätten die Erde
auf immer regiert.«
(Ukraine)
[Märchen von Sonne, Mond & Sternen / Märchen der Welt; Hrsg.: Ulrike Blaschek-Krawczyk, Fischer –TB 12531]
[Märchen von Sonne, Mond & Sternen / Märchen der Welt; Hrsg.: Ulrike Blaschek-Krawczyk, Fischer –TB 12531]